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Ein Tunnel, der Kontinente verbindet

Am Bosporus rücken Europa und Asien jetzt noch näher zusammen. TÜV SÜD sichert das Projekt ab

Mit Dr. Valentina Monaco auf Inspektionstour durch den Bosporus-Tunnel.
Video: TÜV SÜD

Der Bosporus prägt die Stadt Istanbul seit zweieinhalbtausend Jahren. Ein spektakuläres Tunnelprojekt unter der Meerenge hindurch sorgt jetzt dafür, dass zwei Kontinente näher zusammenrücken.

Nachts, nach Mitternacht, kommt Istanbul zur Ruhe. Der Verkehr auf den Stadtautobahnen und der 1973 eingeweihten Bosporus-Brücke wird dünner. Die Fährschiffe, die im Viertelstundentakt den europäischen mit dem asiatischen Teil der Stadt verbinden, stellen ihren Dienst ein. Und auch die städtischen Nahverkehrsbetriebe lenken ihre Fahrzeuge für wenige Stunden ins Depot.

Wenn sich die meisten der 14 Millionen Einwohner Istanbuls schlafen legen, beginnt für Dr. Valentina Monaco der Arbeitstag: Pünktlich um 00:15 Uhr betritt die 41-jährige Expertin des TÜV SÜD-Bereichs Rail den Üsküdar-Bahnhof auf der asiatischen Seite der türkischen Metropole. Jetzt, da der letzte Zug der Metro-Linie abgefahren ist und der nächtliche Betriebsschluss anfängt, geht Monaco auf das Gleisbett der U-Bahn-Linie und beginnt ihren nächtlichen Marsch. „Meine wichtigsten Arbeitswerkzeuge sind meine Beine und mein Kopf“, erzählt sie. Mit genauem Blick für Details wandert sie die Strecke ab, auf der Suche nach Unregelmäßigkeiten im Gleisbett, nach gelockerten Befestigungen, verformten Schienen oder nicht ordnungsgemäß schließenden Brandtüren.

Der Arbeitsplatz rund um den Üsküdar-Bahnhof ist Teil eines der spektakulärsten Eisenbahnprojekte der vergangenen Jahrzehnte: Marmaray, ein mehr als 1,3 Kilometer langer Tunnel unter dem Bosporus. TÜV SÜD hat an dem Jahrhundertprojekt entscheidend mitgewirkt. Im Auftrag der türkischen Bahnen haben Valentina Monaco und ihre Kollegen das gesamte Metro-System des neuen Eisenbahntunnels unter der Meerenge geprüft. Über Jahre hinweg hat die Expertin dazu ihren Arbeitsplatz vom österreichischen Graz ans Marmarameer verlegt, sich die Pläne der Ingenieurbüros vorgenommen, Sicherheitseinrichtungen gecheckt – und immer wieder kritisch nachgefragt. Regelmäßig hat sie überprüft, ob sich die großen Flut-Tore schließen, mit denen sich der Tunnel im Falle eines Wassereinbruchs hermetisch abdichten lässt. Oder ob die Evakuierungspläne im Brandfall funktionieren. Dazu hat die gebürtige Italienerin, die neben ihrer Muttersprache auch Deutsch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch spricht, extra Türkisch gelernt.

Seit Oktober 2013 fährt die innerstädtische Metro durch den (inklusive Anbindungstunnel) 13,3 Kilometer langen Tunnel, im Jahr 2016 soll das Bauwerk dann auch für den Fernverkehr freigegeben werden und die europäische Seite Istanbuls so ans türkische Schnellzug-Netz anschließen. Dafür ist im Vorfeld noch jede Menge zu tun. Und so wird Valentina Monaco noch lange regelmäßig in den bis zu 63 Meter tiefen Bosporus-Tunnel hinunterfahren und mit Taschenlampe, Messwerkzeugen und Fotokamera die Strecke Stück für Stück abwandern.