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Hohe Gipfel, hohe Verantwortung

TÜV SÜD sorgt für die Sicherheit von Bergsteigern und Klettersportlern

Geprüfte Seile und Karabiner sorgen für sicheres Klettern.
Video: Getty Images

Bei Kletterausrüstungen können bereits geringe Mängel fatale Folgen haben. Die Hersteller müssen deshalb Schwachpunkte erkennen und künftig verhindern. Dabei hilft ihnen TÜV SÜD – das Unternehmen testet am Standort Garching bei München alle Teile von Kletterausrüstungen.

Volker Kron ist bei TÜV SÜD der Spezialist für Bergsport. Seit 27 Jahren arbeitet der gebürtige Franke in dem Unternehmen in der Abteilung für Sportartikel. Der leidenschaftliche Alpinist liebt neben seinem Job die Berge im Berchtesgadener Land und in der Region Wilder Kaiser in Tirol.

Beruflich widmen Sie sich den Tests von Kletterausrüstungen. Klettern Sie auch selbst?

Ja, ich bin seit meinem Studium in München ein begeisterter Alpinist. Es ist also kein Zufall, dass ich bei TÜV SÜD in dieser Position gelandet bin.

Was kontrolliert TÜV SÜD bei einer Kletterausrüstung?

Unsere Abteilung ist für Sportartikel und persönliche Schutzausrüstung zuständig. Wir untersuchen aber nur Teile, die sicherheitsrelevant sind. Dementsprechend prüfe ich alle Ausrüstungsgegenstände, die davor schützen sollen, dass man beim Klettern am Berg abstürzt. Das sind zum Beispiel Seile, Haken, Klemmkeile, Karabiner oder Gurte – also alles, um sich zu sichern.

Das heißt, Sie verbringen Ihre Arbeitstage in den Bergen?

Leider nein. Der Großteil der Tests findet unter normierten Bedingungen in unseren Laboren statt. Aber verschiedene Teile, zum Beispiel Lawinenairbags, werden auch in der Praxis getestet, direkt in den Bergen.

Wie muss man sich das vorstellen? Stürzen Sie sich für die Tests wagemutig in Lawinen?

Nein, natürlich nicht. Dass Lawinenairbags durch inverse Segregation grundsätzlich funktionieren, ist ja seit mehr als 20 Jahren nachgewiesen, das müssen wir nicht immer wieder testen. Es gibt aber einige vorgeschriebene Prüfungen, die nur im entsprechenden Gelände durchgeführt werden können. Beispielsweise muss der Airbag auch dann auslösen, wenn eine Person am steilen Hang stürzt und auf dem Rücken oder kopfüber daliegt. Außerdem testen wir, ob die Geräte in verschiedenen Schneearten – vom Pulverschnee bis zum schweren Nassschnee – funktionieren. Dazu wird der Airbag eingegraben und ausgelöst.

Wer legt die Kriterien fest, nach denen getestet wird?

Die internationale Bergsteigervereinigung UIAA in Bern hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, strenge Sicherheitsnormen für Bergsportausrüstung und sonstige Ausrüstungsgegenstände zu definieren. In der Regel prüfen wir für die UIAA und sie vergibt dann ihr Prüfzeichen.

Wichtig beim Klettern ist eine realistische Selbsteinschätzung, denn neben Materialmängeln ist Selbstüberschätzung am gefährlichsten.

Gibt es Mängel an Kletterausrüstungen, die Ihrer Erfahrung nach besonders oft auftreten?

Häufig sind aktuell Federbrüche von Karabinern, auch bei renommierten Herstellern. Der Schnapper am Karabiner schließt dadurch nicht mehr richtig, was ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt. Denn der Karabiner hält dann nur noch so viel wie bei offenem Schnapper und das Seil kann aus dem Karabiner schlüpfen. Ein Qualitätsmangel an einem so kleinen Bauteil kann fatale Folgen haben.

Der Klettersteig „Hausbachfall“ in Reith im Winkl ist seit drei Jahren der erste von TÜV SÜD zertifizierte Klettersteig. Wie hat man sich die Abnahme vorzustellen?

Für Klettersteige gibt es einen Norm-Entwurf. Basierend darauf wird unsere Abnahme durchgeführt. Die beginnt mit der Prüfung der Dokumente. Es wird kontrolliert, ob die Berechnungsgrundlagen richtig sind. Geprüft wir auch, welche Materialien verwendet wurden. Und schließlich muss man die Anlage auch persönlich begehen und messen, ob die Abmaße stimmen und zum Beispiel eine Befestigung im geforderten Abstand vorhanden ist. Und ob die Drahtseile solide im Fels verankert sind. Nicht geprüft wird aber die Schwierigkeit, dafür ist TÜV SÜD nicht zuständig.

Da stellt sich die Frage: Bis zu welchem Schwierigkeitsgrad meistern Sie selbst Klettersteige?

Ich würde mal sagen, ich komme schon jeden hoch. Wichtig beim Klettern ist eine realistische Selbsteinschätzung, denn neben Materialmängeln ist Selbstüberschätzung am gefährlichsten.

Volker Kron ist TÜV SÜD-Experte für Bergsportausrüstungen.
Foto: Birgit Gelder