027

Forscher jenseits des Ärmelkanals

Der Bericht des ersten TÜV-Ingenieurs Carl Isambert über eine Instruktionsreise nach England

Für mehrere Wochen ging Carl Isambert, der erste TÜV-Ingenieur Deutschlands, 1869 auf Forschungsreise nach England. Und verfasste darüber einen interessanten Bericht.
Fotos: Getty Images, TÜV SÜD

Ein Ausschnitt des Berichts von Carl Isambert über seine Forschungsreise nach England.
Foto: Timefab

Eine dienstliche Weiterbildung – und das auch noch im Ausland: Was heutzutage viele Unternehmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, war vor 150 Jahren noch eine Seltenheit. Die Mitglieder des badischen Dampfkessel-Überwachungs-Vereins schickten ihren ersten Ingenieur Carl Isambert trotzdem 1869 auf eine ausgedehnte Forschungsreise nach England. Denn auf der britischen Insel war die unabhängige Prüfung von Dampfkesseln schon etabliert. 

„Im September 1869 erbot sich das Großherzogliche Handels-Ministerium, der Mannheimer Dampfkessel-Ueberwachungs-Gesellschaft einen ansehnlichen Betrag zuzuwenden, falls letztere geneigt sei, ihren Ingenieur nach England zu komittiren, um dort die Art und Weise der Ueberwachung der Land- und Schiffskessel durch Autopsie kennen zu lernen. Der Vorstand meines Vereins nahm selbstredend eine so schätzenswerthe Anerbietung dankbar an, und es wurde mir der ehrenwerthe Auftrag zu Theil, diese Mission zu unternehmen.“ Mit diesen Worten leitet Carl Isambert, der erste festangestellte Prüfingenieur der 1866 gegründeten „Gesellschaft zur Ueberwachung und Versicherung von Dampfkesseln mit dem Sitze in Mannheim“, seinen Bericht über eine „im Oktober 1869 unternommene Instruktionsreise“ ein.

Erst ein Jahr vor seiner Dienstreise nach England hatte der damals 29-jährige Carl Isambert seine Stelle beim Mannheimer Verein angetreten. Seine Aufgabe: Die Dampfkessel der Vereinsmitglieder im Großherzogtum Baden regelmäßig zu überprüfen und dadurch Dampfkesselexplosionen und Schäden zu verhindern. Das Statut des Vereins führte daneben noch ein weiteres Ziel auf, nämlich die „Garantie für die Mitglieder des Vereins, daß alle Fortschritte der Technik in Erzeugung und Benutzung des Dampfes ihnen zu gut kommen werden“. Und wo hätten die neuesten Innovationen rund um die Dampfkraft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert besser studiert werden können als im Mutterland der Industrialisierung?

Wer im Jahr 2016 hautnah erleben möchte, welche Innovationen die Welt künftig prägen werden, pilgert meist ins Epizentrum der Digitalisierung: ins kalifornische Silicon Valley. Auch für Carl Isambert im Jahr 1869 waren die Ziele seiner Reise klar: Liverpool, damals der größte Seehafen der Welt, sowie Manchester und Birmingham. Hier hatten sich bereits ab 1855 Fabrikbesitzer und andere Inhaber von Dampfkesseln zu „Steam User Associations“ zusammengeschlossen. Die Arbeitsweise dieser Vereine, die Art und Weise der Dampfkesselinspektionen und die Entlohnung der Kesselprüfer bildeten dann auch einen Schwerpunkt von Isamberts Reisebericht. Sein Fazit: Eine ähnlich professionelle Arbeit wie in England könnte auch in Deutschland viele Unglücke verhindern. Beeindruckt zeigte sich der Ingenieur auch von den Forschungsergebnissen seiner englischen Kollegen, die experimentelle Versuche durchführten, um den Gründen für die Dampfkesselexplosionen auf die Spur zu kommen.

Die Ergebnisse der Arbeit der englischen „Steam User Associations“ sprachen dann auch dafür: Während bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts „ca. 1500 Dampfkessel-Explosionen stattfanden, durch welche ca. 5000 Personen getödtet, und eine entsprechende Zahl, ca. 4000, verwundet wurden“, so Isambert, wendete sich das Blatt seit Gründung der Vereine: Von rund 17500 überwachten Kesseln explodierten in 13 Jahren gerade einmal 26.

Isamberts Fazit: Die Arbeitsweise der englischen Vereine könnte auch in Deutschland viele Unglücke verhindern

Seine wichtigste Erkenntnis gewann Isambert aber aus seinen Gesprächen mit den Kesselwärtern. Sie „zum richtigen Verständnis ihrer Pflichten heranzubilden“ sei mindestens genauso wichtig wie regelmäßige Inspektionen. „Der englische Geschaftsmann ist, was rationellen Kessel-und Maschinenbetrieb angeht, einsichtiger als der deutsche“, heißt es in seinem Reisebericht. „Er verwendet zu Heizern und Maschinenführern keine Leute der alleruntersten Klasse von Menschen, deren Körperkraft er für geringe Bezahlung einige Jahre ausnutzt; solche menschliche Maschinen hat der Engländer nicht; seine Arbeiter, namentlich Heizer und Maschinenführer auf Dampfschiffen, sind tüchtige Leute, meistens Maschinenschlosser, die auch ihre Intelligenz bei der Arbeit zu verwerthen wissen. Die Leistung englischer Arbeiter ist enorm gegen die der unsrigen; sie werden aber auch gut bezahlt und leben dabei besser; auch verlangt man keine übermässigen Anstrengungen von ihnen.“

Noch lange nach seiner Rückkehr aus England setzte sich Carl Isambert vehement für eine bessere Entlohnung der Kesselwärter ein. Bis zu seinem Tod 1899 fordert er, dass sie gut qualifiziert sein müssen und unter vernünftigen Bedingungen arbeiten können.

Hier können Sie den Originalbericht als PDF downloaden.