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Dampfkraft – eine neue Technologie wird sicherer

Ein Jahrhundert unter Dampf – Kesselexplosionen befeuern die Gründung von TÜV SÜD

Explosion des Kessels einer Dampfkutsche um 1820. Die Dampfwagen waren damals kein kommerzieller Erfolg. Den Passagieren war nicht wohl bei der Vorstellung, auf einem gefährlichen Dampfkessel zu reisen.
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Die Dampfkesselexplosion der Best Friend of Charleston am 17. Juni 1831. Die Dampflok sollte Baumwolle von Charleston nach Hamburg (South Carolina) bringen. Der Unfall gilt als erste Kesselexplosion einer Dampflokomotive in den USA.
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Die Millfield-Eisenhütte im englischen Bilston. 27 Arbeiter sterben am 15. April 1862 bei der Explosion des Dampfkessels. Der Kessel war neun Jahre in Betrieb.
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Dampfkesselzerknall im Jahr 1926 in einer Bäckerei in der Münchener Schellingstraße: Die Wucht der Explosion beschädigte auch die angrenzenden Gebäude.
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Das Dampfschiff „Alfred Thomas“ explodiert am 6. März 1860 auf dem Delaware im gleichnamigen US-Bundesstaat. Mehrere Tote sind zu beklagen, unter ihnen auch der Kesselheizer. Manche Passagiere glaubten, bei dem Knall handle es sich um ein Erdbeben.
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Die Beaver-Mühle in Keene, New Hampshire, am 22. Mai 1893. Gleich fünf Dampfkessel explodieren, dabei werden drei Mühlen-Arbeiter in den Tod gerissen und umliegende Gebäude zerstört.
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Im 19. Jahrhundert trieb Dampfkraft Lokomotiven, Schiffe und die Produktionsmaschinen der Fabriken an. Doch die neuartige Energiequelle aus den Druckkesseln war auch gefährlich, Explosionen waren keine Seltenheit – bis ab Mitte des Jahrhunderts Dampfkessel-Revisionsvereine die Technik sicherer machten. 

Am 10. November 1840 explodierte der Dampfkessel einer Lokomotive im englischen Bromsgrove. Der Lokführer und der Maschinenmeister kamen ums Leben. Zwei Tote forderte der Kesselzerknall einer Lok im Londoner Bahnhof Bricklayers Arms am 11. Dezember 1844.

Solche Katastrophen passierten häufig im noch jungen Technik-Zeitalter des 19. Jahrhunderts. Zerknalle hießen – und heißen heute noch – die Explosionen der Dampfkessel, die Schiffe, Lokomotiven und Fabriken zur Gefahr von Leib und Leben machten. Allein in der US-amerikanischen Stadt Boston zerknallten zwischen 1867 und 1877 fast eintausend Dampfkessel und töteten dabei 700 Menschen.

Unsachgemäße Bedienung, produktionsbedingte Fehler, Konstruktionsmängel oder Materialermüdung führten dazu, dass die Kessel dem enormen Druck nicht standhielten.

Preußen versuchte daher seit 1856, dieser Gefahr durch staatliche Kontrollen Herr zu werden. Doch den Inspektoren fehlte die nötige Erfahrung und Kenntnis im Umgang mit den Aggregaten.

In Großbritannien, dem Mutterland der Industrialisierung, schlug man einen Weg ein, der sich als erfolgreicher herausstellte. 1855 wurde die „Manchester Steam Users Association for the Prevention of Steam Boiler Explosions and for the Attainment of Economy in the Application of Steam“ gegründet. Der wohl erste technische Überwachungsverein der Welt und seine vier Nachfolger überwachten 14 Jahre später 15.400 Dampfkessel auf der Insel. Deren Sicherheit war statistisch gesehen zehnmal so hoch wie bei einem staatlich kontrollierten Kessel in Preußen und zwanzigmal so hoch wie bei einer ungeprüften Anlage.   

Ingenieure des TÜV bändigen die neue Technik auf dem europäischen Kontinent

Die unabhängigen Prüfvereine in Großbritannien fanden Nachahmer in Deutschland. Als 1865 in der Mannheimer Brauerei zum „Großen Mayerhof“ bei dem Kesselzerknall eine Person getötet und mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, riefen 22 Unternehmer aus dem Großherzogtum Baden die „Gesellschaft zur Ueberwachung und Versicherung von Dampfkesseln mit dem Sitze in Mannheim“ ins Leben. Das Datum gilt als Geburtsstunde der heutigen TÜV SÜD Gruppe – und als Meilenstein der technischen Sicherheit auf dem europäischen Kontinent. Keine staatliche Behörde, sondern die Ingenieure des Vereins waren fortan für Inspektion und Wartung der Anlagen sowie für die  Schulung des Kessel-Personals verantwortlich. Mit Erfolg: Schon zwei Jahre später konnte der erste hauptamtliche Ingenieur des Vereins, Carl Isambert, keine gravierenden Mängel mehr vorfinden und etliche alte und störanfällige Dampfkessel waren ersetzt oder stillgelegt worden.

Heißer Dampf treibt weiterhin die Turbinen von Industrieanlagen an. TÜV SÜD als ein Nachfolgeunternehmen der Revisionsvereine ist auch heute verantwortlich für das hohe Sicherheitsniveau der Dampfkessel.