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Volle Fliehkraft voraus – das Oktoberfest im Test

Wie die Ingenieure von TÜV SÜD das größte Volksfest der Welt in Fahrt bringen

Video-Rückblick in die Geschichte: TÜV SÜD-Experten prüfen Wiesn-Fahrgeschäfte in den 1960er- und 1970er-Jahren.
Video: TÜV SÜD

Die Experten in blauer TÜV SÜD-Arbeitskleidung klettern auf die höchsten Achterbahnen und kriechen in die hintersten Winkel der Geisterbahn. Nicht zum Spaß, sondern damit die Oktoberfest-Besucher sich auf die Sicherheit der Fahrgeschäfte verlassen können.

Der „Break Dancer“, die „Olympiabahn“, all die rasanten Karusselle und beschaulichen Traditionsfahrgeschäfte – bevor nicht die Prüfer des TÜV SÜD ihre Genehmigung erteilt haben, kann die wilde Fahrt nicht beginnen. Rund 170 Fahr-, Schau- und Belustigungsgeschäfte locken auf dem Münchener Oktoberfest Millionen Fahrgäste. Eine wahre Leistungsschau des internationalen Schaustellergewerbes.

Ob hypermoderne Attraktion oder nostalgisches Gefährt, hinter all der Gaudi steckt eine Menge Technik, die zu jedem Zeitpunkt funktionieren muss. Um dies zu gewährleisten, schickt TÜV SÜD in den Wochen vor dem Volksfest 20 Prüfer auf die Theresienwiese. Sie untersuchen buchstäblich jede Schraube. Sie checken, ob sämtliche Sicherungsbügel einrasten, die Rahmen der Anlagen stabil montiert und alle Züge fest in den Schienen eingehängt sind.

Schon wenn die Betreiber die Fundamente installieren, sind die Prüfer dabei, um Statik und Standsicherheit im Blick zu haben. Nach der Endmontage nehmen sie sich alle sicherheitsrelevanten Bauteile vor. Räder und Bremsen, auch die Steuerungselektronik, die gerade bei modernen und innovativen Fahrgeschäften immer wichtiger wird. Arbeiten auch die Sensoren zuverlässig, welche die Fahrgeschäfte im Notfall sicher zum Halten bringen?

Bis ins letzte Detail kontrollieren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von TÜV SÜD all die Bahnen und genießen dabei bisweilen einen fantastischen Blick. Wenn sie am Kletterseil zum höchsten Punkt des Fünfer-Loopings aufsteigen, erstreckt sich unter ihnen das fast vollständig aufgebaute Volksfest – und am Horizont bei gutem Wetter die Bergkette der Alpen. Ihre ganze Konzentration gilt jedoch den technischen Aufbauten. In der Regel bemängeln sie aber nur wenig: Verschleißteile, die der Schausteller nach der Prüfung austauschen muss. Zu guter Letzt kommt auch für die Test-Profis ein bisschen Spaß auf: Um ein endgültiges Gefühl für die Funktionstauglichkeit eines Kinderkarussells oder einer Achterbahn zu entwickeln, starten sie eine Testfahrt.

Seit 1930 prüft TÜV SÜD im Auftrag der Stadt München Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest. Heute geht der Blick der Ingenieure über das international größte Volksfest hinaus in die ganze Welt. Die gesamte Abteilung „Fliegende Bauten“, wie auf- und abbaufähige Anlagen im Fachjargon genannt werden, zählt bei TÜV SÜD 45 Sachverständige. Rund um den Globus nehmen sie pro Jahr mehr als 1.000 Überprüfungen vor. Auch das „New Brighton Oktoberfest“ im US-Bundesstaat Minnesota, überhaupt Freizeitparks in den USA, Asien, Dubai oder Europa unterliegen dem strengen Auge des Unternehmens aus München. Der Anteil der weltweiten Aktivitäten liegt in dieser Abteilung von TÜV SÜD bei etwa 60 Prozent.

Ob Achterbahnen, Karussells oder Autoscooter – generell unterscheiden Fachleute zwischen Erstabnahmen von neuen Anlagen und „Verlängerungsprüfungen“, die sich mit der Hauptuntersuchung bei einem Auto vergleichen lassen. Hinzu kommen die sogenannten Gebrauchsabnahmen nach dem Ortswechsel eines Fahrgeschäfts.

Bei einer Erstabnahme überprüfen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von TÜV SÜD zunächst Konstruktionszeichnungen und statische Berechnungen. Danach finden Kontrollen der Fertigung und – wenn nötig – Bauteilversuche statt. Zuletzt wird die Anlage inklusive aller tragenden Bauteile sowie der elektrischen, hydraulischen und pneumatischen Einrichtungen getestet. Insgesamt gibt es bei solchen Erstabnahmen eine Vielzahl von Funktionsprüfungen und Erprobungen, beispielsweise Tests von Bremsen und Sicherheitseinrichtungen. Die TÜV SÜD-Sachverständigen prüfen jährlich die Konstruktionszeichnungen und Berechnungen für etwa 300 Anlagen und führen rund 100 Abnahmeprüfungen von neuen Anlagen durch.

Die „Verlängerungsprüfungen“ finden in regelmäßigen Zeitabständen statt. Bei großen und komplexen Anlagen wie Loopingbahnen handelt es sich beispielsweise um jährliche Prüfungen, bei langsam drehenden Kinderkarussellen erfolgt die Untersuchung alle fünf Jahre.

Die Gebrauchsabnahme soll gewährleisten, dass ein Fahrgeschäft nach einem Ortswechsel – beispielsweise von einem Volksfest zum anderen – wieder sicher und zuverlässig funktioniert. In der Regel werden die Gebrauchsabnahmen nicht von TÜV SÜD, sondern von speziell ausgebildeten Mitarbeitern der örtlichen Baubehörde (Untere Bauaufsichtsbehörde) durchgeführt.

Die Besonderheit beim Münchener Oktoberfest besteht darin, dass TÜV SÜD die Lokalbaukommission der Stadt München auch bei den Gebrauchsabnahmen der Fahrgeschäfte unterstützt und in den beiden Aufbauwochen vor dem Start mit einer entsprechenden Anzahl von Sachverständigen vor Ort ist. Die größtmögliche Sicherheit der vielen Fahrgeschäfte ist der bayerischen Landeshauptstadt diesen besonderen Einsatz der Experten von TÜV SÜD wert.

Räder und Bremsen, auch die Steuerungselektronik inspizieren die Prüfer.

Seit 1881 ist TÜV SÜD – damals als Bayerischer Dampfkessel-Revisions-Verein –  auf der Wiesn präsent. Damals testeten sie als erstes den Dampfantrieb für den zentnerschweren Drehspieß des Ochsenbraterei-Bierzelts. Heute geht der Blick der Ingenieure über das international größte Volksfest hinaus in die ganze Welt. Rund um den Globus übernehmen Mitarbeiter von TÜV SÜD mehr als 1.000 Überprüfungen im Bereich „Fliegende Bauten“, wie auf- und abbaufähige Anlagen im Fachjargon genannt werden.

Absolute Sicherheit, das betonen die TÜV SÜD-Experten stets, kann es freilich nicht geben. Im technischen Bereich können sie diese gewährleisten. Die meisten Unfälle auf Volksfesten geschehen jedoch durch Fehlverhalten des Bedienpersonals. Deshalb bietet TÜV SÜD auf dem Münchener Oktoberfest inzwischen auch vermehrt Sensibilisierungs-Seminare an für die Angestellten in der Woche, bevor Oberbürgermeister Dieter Reiter das erste Fass anzapft. Damit der größte Spaßbetrieb auf Erden auch wirklich mit einem guten Gefühl beginnen kann.

Ein Prüfer von TÜV SÜD nimmt einen Waggon der Wasserrutsche in Augenschein. Die Sachverständigen testen jede Schraube, jede Schiene, jedes Fahrgeschäft auf dem Oktoberfest.
Foto: dpa Picture Alliance

Auf und nieder, immer wieder: Achterbahn auf der Münchener Wiesn in den 1960er-Jahren.
Foto: Erdoedy Presse

Drehwurm: Historische Aufnahme eines Karussells auf dem größten Volksfest der Welt.
Foto: SZ Photo