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Schwebend in der dünnen Luft über La Paz

In Bolivien wurde ein innovatives und einzigartiges Seilbahnnetz realisiert – getestet von TÜV SÜD

Die neue Seilbahn „Teleférico“ überwindet nicht nur einen Höhenunterschied, sondern auch ein soziales Gefälle: Das 1.200 Meter höher gelegene El Alto mit 90 Prozent Bewohnern indianischer Herkunft ist von Armut geprägt, das im Tal liegende La Paz dagegen ist reicher.
Foto: F1online

In den Metropolen in aller Welt wird nach zukunftsfähigen Verkehrslösungen gesucht. In La Paz wurde 2015 ein leistungsfähiges Seilbahnprojekt verwirklicht, das als Vorbild und Anregung für andere Städte dienen könnte.

Es wird nach seiner Fertigstellung das größte Seilbahnprojekt der Welt sein. Und ein Beispiel für ein Verkehrskonzept, das in den Großstädten Schule machen könnte: 2015 wurde im Ballungsraum der bolivianischen Metropole La Paz, dem Regierungssitz des Landes, ein Seilbahnnetz mit drei Linien und einer Gesamtlänge von fast 10 Kilometern in Betrieb genommen. Bis 2019 sollen weitere sechs Seilbahnen mit einer Länge von insgesamt 20 Kilometern hinzukommen.


Der sogenannte „Teleférico“ verbindet die 1.200 Meter höhere Stadt El Alto mit der darunter gelegenen Stadt La Paz. Jeweils etwa eine Million Menschen leben auf den beiden Arealen. 


Im armen El Alto in 4.000 Metern auf einer Hochebene sind mehr als 90 Prozent der Bewohner indianischer Herkunft. La Paz dagegen ist reicher, das Klima besser und fruchtbarer. Hier liegen auch der Regierungssitz sowie das Geschäftszentrum. Die Einwohner gehören zur Mittel- und Oberschicht. Die Seilbahn überwindet im Tempo von 18 Stundenkilometern nicht nur viele Höhenmeter, sondern auch ein deutliches soziales Gefälle.
 Warum eine Seilbahn in La Paz das ideale Verkehrsmittel ist, wird bei einer ersten Fahrt sofort deutlich: Sie führt über schwindelerregende Schluchten und extrem zerklüftetes Gelände. Andere innovative Nahverkehrsmittel, wie eine U-Bahn oder eine Straßenbahn, haben hier keinen Sinn. Und die Verkehrsverbindung über die Straße hat eine Länge von etwa 15 Kilometern. Der Minibus braucht je nach Verkehr vierzig Minuten bis eine Stunde. Zu Fuß dauert der Weg sogar über drei Stunden. Die Gondel dagegen schafft die Strecke in zwei Minuten Fahrtzeit.


Gebaut hat die Seilbahn die renommierte österreichische Firma Doppelmayr mit Sitz in Vorarlberg. Der Seilbahn-Spezialist hat sämtliche Technik, Stützen und Gondeln geliefert. Und die Experten von TÜV SÜD, Markus Spies und Thomas Schwab, waren vor der Inbetriebnahme in La Paz vor Ort, um im Auftrag des Herstellers die Seilbahn zu prüfen. Sie testeten vor allem, ob Teilsysteme wie Seil, Kabine oder Bremsen korrekt miteinander verbunden sind. 


„La Paz liegt etwa 4.000 Meter hoch, wir mussten deshalb ganz andere Faktoren beachten als im Alpenbereich“, sagt Thomas Schwab. „In dieser Höhe verändert sich zum Beispiel die Viskosität von Öl, also die Fließfähigkeit.“

Die Höhe strapaziert den Körper, aber auch die Technik. Sie verändert die Fließfähigkeit von Öl.

Auch körperlich machte sich die extreme Höhe bemerkbar, erzählt der Sachverständige, der in den ersten Tagen unter starken Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit litt. Zwei Wochen verbrachten die beiden Kollegen in La Paz. Und da sie nachts arbeiteten, um den Betrieb der Bahnen nicht zu stören, hatten sie tagsüber Zeit, um selbst die Seilbahn zu benützen. Und von den Zielpunkten aus die beiden Städte zu erkunden.


Elf Haltestellen gibt es auf den drei Linien, insgesamt sind 443 Gondeln unterwegs. Und auch im Umfeld kommen neue Technologien zum Einsatz: interaktive Karten, bargeldlose Zahlungsmittel und Multimodule an allen Seilbahnstationen. Hinter dem Begriff Multimodule verbergen sich Parkplätze, Buszubringer und Fahrradstationen. In der „Oberstadt“ El Alto ist Fahrradfahren seit jeher beliebt, aber wegen des chaotischen Verkehrs ziemlich gefährlich. Deshalb sollen dort demnächst Fahrradwege gebaut werden.


Nur auf den schneebedeckten und spektakulären Gipfel Illimani, fast 6.500 Meter hoch, der La Paz und El Alto weit überragt, wird auch in Zukunft keine Seilbahn führen. Der zweithöchste Berg der Anden in Bolivien bleibt weiterhin Bergsteigern vorbehalten.