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Im Auftrag Ihrer Majestät

Ludwig II. ging nicht nur als Märchenkönig in die Geschichte ein. Er war auch Technik-Pionier. Verlässlicher Partner für seine dampfbetriebenen Visionen: TÜV SÜD

Das Schloss Neuschwanstein: Für den Transport des Baumaterials wurde ein Baugerüst errichtet und ein Dampfkran aufgestellt.
Foto: akg images

Die künstliche Grotte auf Schloss Linderhof: Der Strom für die Beleuchtung des königlichen Illusionstheaters wurde von einer kohlebefeuerten Dampfmaschine erzeugt.
Foto: laif

Die Dampfkesselanlage in Schloss Linderhof: Sie versorgte die 24 Generatoren zum Betrieb der Bogenlampen und beheizte die Warmwasserkessel der Grotte.
Foto: Deutsches Museum, München, Archiv

Der königliche Hofzug Ludwigs II.: Für seinen Wagenzug wünschte sich der König einen „offenen Wagen“. Ausgeliefert wurde der Zug 1865.
Foto: DB Museum Nürnberg

König Ludwig vor seinem Raddampferboot „Tristan“ auf dem Starnberger See. Mit dem Schiff ließ er sich auf die Roseninsel übersetzen, um dort in Ruhe zu lesen.
Illustration: INTERFOTO

Schloss Herrenchiemsee: Für die technischen Anlagen der Wasserspiele wurde eigens ein Maschinenhaus für eine Dampfkesselanlage, eine Dampfmaschine und zwei Zwillingspumpen errichtet.
TÜV SÜD prüft bis heute unter anderem die elektrischen Aufzüge, mit denen die über 60 Kronleuchter von der Decke zum Boden herabgelassen werden können.
Foto: mauritius images

Er wirkte wie aus der Zeit gefallen: Während die aufkommende Industrialisierung sein Reich mit Riesenschritten veränderte, imitierte der bayerische König Ludwig II. mit seinen Schlossbauten längst vergangene Epochen. Bei der Flucht in seine Traumwelten nutzte der „Kini“ allerdings modernste Technik.

Heute sorgt Computertechnik für die perfekte Illusion im Kino. Visionen zu erzeugen war im 19. Jahrhundert keine einfache Angelegenheit und, wenn überhaupt, betuchten Menschen vorbehalten. Ludwig II., der 1864 als 18-Jähriger den Thron des Königreichs Bayern bestieg, hatte Träume. Inspiriert von der Musik Richard Wagners setzte der Bayernkönig alles daran, die Imagination einer Operninszenierung real werden zu lassen. Technischer Fortschritt kam Ludwig dabei gerade recht. Die Dampftechnik trieb überall Lokomotiven, Schiffe und Industrieanlagen an, zunehmend auch in den industriellen Zentren Bayerns. Interessiert verfolgte Ludwig auf der Weltausstellung in Paris die neuartigen Möglichkeiten, die seinen Illusionen Nahrung gab.

Dampfkraft für Ludwigs Illusionstheater

Ein Beispiel ist die Venusgrotte in Ludwigs Schloss Linderhof mitten in den bayerischen Alpen: Sie ist dem Schauplatz des ersten Akts von Richard Wagners Oper Tannhäuser nachempfunden – eine nachgebildete Tropfsteinhöhle mit „Königssitz“ und Loreleyfelsen“. Gerne fuhr der Märchenkönig auf einem künstlich angelegten See in der Grotte in einem Muschelkahn durch die naturalistische Raumbühne. Für die Realisierung dieser perfekten Kulisse hatten seine Techniker alle Hände voll zu tun: 24 Dynamos erzeugten den Strom für die Beleuchtung der Grotte, angetrieben von einer Dampfmaschine. Zwei weitere Dampfkessel versorgten eine Röhrenheizung unterhalb der Wasseroberfläche mit Energie und erwärmten das Grottenwasser auf angenehme 26 bis 28 Grad Celsius.  

Der Bayerische Dampfkessel-Revisionsverein sicherte die technischen Einrichtungen des Bayernkönigs ab.

Dank solcher technischen Innovationen wurde Ludwig II. einer der ersten Kunden des Bayerischen Dampfkessel-Revisionsvereins, einem Vorläufer von TÜV SÜD. Schon wenige Jahre nach dessen Gründung 1870 prüften die Ingenieure des Vereins die Dampfantriebe des königlichen Hofzugs in München, des Dampfers „Tristan“ auf dem Starnberger See und des Schleppschiffs, das das Baumaterial auf die Insel Herrenchiemsee brachte. Später kamen unter anderem die Kessel, die den Dampfkran zum Baustoff-Transport für Schloss Neuschwanstein antrieben, hinzu. Von der „Äußeren Revisionsprüfung“ und der „Periodischen Wasserdruckprobe“ dieser Kessel Nr. 587 und 588 existieren noch Berichte der Ingenieure Kissling und Hott aus dem Jahre 1885. Ihr Befund: keine Beanstandungen.

Dem bayerischen Königshaus und den Schlössern Ludwigs II. blieb der Bayerische Dampfkessel-Revisionsverein übrigens über die Jahrzehnte treu – auch nach dem Ende der Monarchie 1918. Denn die technischen Anlagen von Ludwigs Bauten, die heutzutage jedes Jahr Millionen von Touristen nach Bayern locken, müssen regelmäßig überprüft werden: Erst im Dezember 2015 fand wieder einmal eine Prüfung der elektrischen Installationen und der Aufzüge in Schloss Herrenchiemsee statt – durch einen Sachverständigen von TÜV SÜD.