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Von der Dampfkraft zum Internet der Dinge

Industrielle Revolutionen bestimmen das Tempo des Fortschritts. TÜV SÜD hat alle vier bisherigen begleitet

Eine Weberei in Manchester um 1900. Den ersten mechanischen Webstuhl mit Dampfantrieb in England eröffnete 1787 der Brite Edmund Cartwright. Der Power Loom, die Webmaschine in Kombination mit der Dampfmaschine, gilt als Ursprung der ersten industriellen Revolution. Dampfkraft trieb auch Pumpen, Schiffe und Lokomotiven an. Ab 1866 prüften Dampfkessel-Revisionsvereine in Deutschland die Sicherheit der neuen Technik.
Foto: Manchester Historic Association

Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichte elektrische Energie die Massenproduktion, sie markiert die zweite industrielle Revolution. Das erste einfache Fließband lief 1870 in einem Schlachthof in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio. In Deutschland prüfte der Bayerische Revisionsverein ab 1903 Eiswerke, Elektrizitätswerke und andere Fabriken.
Illustration: Getty Images

Anfang der 1970er-Jahre wurde die Produktion weiter automatisiert. Elektronik und Informationstechnologien revolutionierten zum dritten Mal die technischen Möglichkeiten. Maschinen übernahmen vermehrt Denkprozesse und steuerten die industrielle Produktion.
Schon seit den 1960er-Jahren befasst sich TÜV SÜD mit Rechnern und Datenfernverarbeitung. Der Dienstleistungskonzern stellt sicher, dass sensible Daten im Netz gut aufgehoben sind.
Foto: Reinhard Eisele / project photos

Die digitale Fabrik: Software steuert die Produktionsprozesse, Maschinen und Komponenten kommunizieren miteinander. TÜV SÜD ist für die vierte industrielle Revolution nicht nur gerüstet, sondern dabei: TÜV SÜD befasst sich damit, wie sich Industrieanlagen der Zukunft, der Industrie 4.0, sicher betreiben lassen.
Foto: FOTOFINDER

Industrielle Revolutionen, Meilensteine des technischen Fortschritts, sorgten seit Ende des 18. Jahrhunderts weltweit für dramatische Veränderungen der Gesellschaft. Die Vorläufer von TÜV SÜD machten die technischen Neuerungen durch Kontrolle sicherer. Jetzt ist die vierte industrielle Revolution voll im Gange – TÜV SÜD sichert sie ab. 

August 1888, eine Landstraße bei Pforzheim im Süden Deutschlands. Ein Mann radelt auf einem Hochrad in Richtung Mannheim. Es ist früh am Morgen, ein schöner Tag, der Mann ist guter Dinge. Noch. Denn plötzlich kommt es zu einer grauenhaften Begegnung. Eine Kutsche rast auf den Mann zu, ganz ohne Pferde, aber mit einem ohrenbetäubenden Lärm und in einer Wolke aus Staub und Gestank. Auf dem Kutschbock sitzt eine Frau, hinter ihr klammern sich zwei Kinder an das Gefährt. Entsetzt reißt der Mann die Hände vors Gesicht und stürzt kopfüber in den Graben. „Hölle und Teufel”, flucht der Mann und rappelt sich wieder auf.

Er hatte gerade die erste Überlandfahrt eines Automobils miterlebt. Mit dem Motorwagen Nr. 3 ihres Manns Carl waren Bertha Benz und ihre Söhne an ihm vorbeigebraust. Für sie war es eine Fahrt in die Zukunft, für den Mann im Straßengraben ein Schock.

Neue Technologien bereiten Angst. Fauchende Dampfmaschinen, rasende Lokomotiven, Fluggeräte, Atomkraftwerke, das Internet. Die Angst verschwindet erst, wenn die Menschen verstehen, wie etwas funktioniert, wenn sie es einordnen können, wenn das Risiko überschaubar wird.

Und hier kommt TÜV SÜD ins Spiel. Die Vorläufer-Organisation wurde vor 150 Jahren gegründet, um die wichtigste und zugleich unfallträchtigste Technologie der damaligen Zeit, die Dampfkraft, hinsichtlich ihrer Risiken beherrschbar zu machen. Die regelmäßige Prüfung – „Revision” – konnte Sicherheitslücken frühzeitig aufspüren und der Gefahr des Kesselzerknalls vorbeugen. Es lässt sich kaum ermessen, wie viele Menschenleben die Arbeit der Sachverständigen damit letztlich gerettet hat.

Während Deutschland auf dem Weg in die Industriegesellschaft mit Riesenschritten vorankam, weiteten die Revisionsvereine ihre Tätigkeit aus. Dabei wirkte die technische Überwachung wie ein Katalysator. Sie förderte die Verbreitung innovativer Technologien, indem sie diese sicherer und damit für die Menschen im Alltag annehmbar machte.

Nach und nach entwickelten sich die Vereine, die ab 1939 einheitlich als TÜV bezeichnet wurden, selbst zu Vorreitern des wirtschaftlichen und technologischen Wandels. Ein Beispiel dafür aus jüngerer Zeit ist die 1989 gegründete TÜV SÜD Product Service GmbH. Sie hat bereits an weltweit einheitlichen Sicherheitsstandards für Konsumgüter gearbeitet, als von einer globalisierten Welt noch kaum die Rede war.

Heute, an der Schwelle zur Industrie 4.0, zum autonomen Fahren und zum „Smart Home”, ist der technologische Fortschritt mit ganz anderen Chancen und Risiken verbunden. Dennoch zeigt der Blick in die Geschichte, dass sich die Funktion der technischen Überwachung seit dem Zeitalter der Dampfmaschinen nicht verändert hat: aus genialen Ideen gesellschaftliche Realitäten machen. Und das gelingt nur, wenn die Menschen den neuen Technologien vertrauen. Weil ihre Sicherheit geprüft wird.